vickersd80@univie.ac.at

Kein Thema für Epik? Maximilian und der Mäusekönig

Am 30. November 1504 schreibt Augustinus Olomucensis/Moravus (1467–1513) aus Buda an Conrad Celtis (1459–1508) in Wien: Er habe von der Aufführung eines Theaterstücks unter Celtis’ Leitung gehört, das einen deutschen Sieg über Böhmen zum Gegenstand habe. Er zeigt sich durchaus informiert, um welches Ereignis es sich handelt: die Schlacht von Wenzenbach bei Regensburg (12. September 1504), in der die böhmischen Hilfstruppen der pfälzischen Partei von Maximilian vernichtend geschlagen wurden (Maximilians größter Sieg aus lokaler Perspektive).

Wie es seinem Ruhm als bester Dichter entspreche, habe Celtis das passende literarische Genus gewählt: Für den Sieg in einem ungleichen Treffen von 14.000 deutschen Panzerreitern gegen 1000 böhmische Fußsoldaten sei die dramatische Darstellung noch eher vertretbar ist als eine epische.

Commendo sane factum, quod cum poeta sis omnium quos Germania unquam tulit, excellentissimus, triumphum hunc eo genere carminis edere volueris, et instar eorum, qui populo spectante pupulas digladiantes committunt, pugnae huius faciem exhibere. Neque enim decorum fuisset, quattuordecim prope milium Cathafractorum equitum adversus mille pedites ac peltastas victoriam heroo classico referre, nisi id forte celebrare velis, paucos Boemos et eos gregarios instructissimis Germanorum aciebus se opponere ausos, talibusque animis (dum omni ex parte machinarum saxis protererentur missilibusque et tortis eminus et cominus impeterentur) plus quam viriliter se tutatos fuisse.

Obsecro tamen, ut pugne huius ludicrum mihi mittas, – legi enim his diebus non inelegantis cuiusdam poete Siculi batrachomyomachiam, cui triumphus hic Rodilardorum cum Pisophagis egregie quadrare videbitur.

Ich finde es wirklich gut, dass Du – da Du ja der hervorragendste Dichter aller bist, die Deutschland je hervorgebracht hat – Dich entschieden hast, diesen Triumph in dieser literarischen Gattung zu veröffentlichen und gleich denen, die vor Zuschauern aus dem Volk Puppen im Schwertkampf aufeinandertreffen lassen, ein Bild dieser Schlacht zu zeigen. Denn es wäre unpassend gewesen, den Sieg von fast 14.000 Panzerreitern gegen 1000 Fußsoldaten – nur mit einem kleinen Schild ausgerüstet – mit epischer Fanfare zu berichten, es sei denn Du wolltest gerade das preisen, dass eine Minderheit von Böhmen, und zwar einfache Soldaten, es wagten sich bestens aufgestellten Kontingenten der Deutschen entgegenzustellen und sich mit solcher Entschlossenheit (während sie von allen Seiten von Steinbrocken aus Geschützen niedergewalzt und mit Wurf- und Schleudergeschossen von nah und fern angegriffen wurden) mehr als mannhaft verteidigten.

Ich bitte Dich dennoch dringend, mir das Schauspiel dieser Schlacht zuzusenden; es wird dazu – ich habe nämlich dieser Tage die Batrachomyomachie eines recht eleganten sizilischen Dichters gelesen – der Triumph von Helden wie Rodilardus zusammen mit Pisophagus offenbar ausgezeichnet passen.

Der Vergleich mit einem Marionettentheater suggeriert einen auf die Bühne gebrachten Kampf – doch konnte Augustinus derartiges wirklich erwarten? Schlachtschilderungen werden auf der Bühne in der Regel durch Botenberichte bewältigt – etwa im Amphitruo des Plautus (v. 186ff.), aber auch in einem zeitgenössischen Festspiel, der Historia Baetica des Carlo Verardi (aufgeführt 1492 in Rom, aber auch nördlich der Alpen rezipiert) über die Eroberung der maurisch besetzten Stadt Granada durch Ferdinand den Katholischen. Augustinus hat den Vergleich also gewählt, um seinen Spott auszudrücken und Maximilians Sieg herabzusetzen.

In der Kanzlei Wladislaws II. von Böhmen und Ungarn (1456–1516) in Buda, in der Augustinus Moravus tätig war, wurden Maximilians Aktivitäten und ihre Darstellung zweifellos genau beobachtet. So zielt Augustinus’ Kritik auf die Überhöhung der Böhmenschlacht: Statt Maximilians Sieg zu bewundern, klingt im Ausdruck plus quam viriliter „mehr als mannhaft“ Anerkennung für die Tapferkeit und Ausdauer der Böhmen an, die im Geschoßhagel einer Übermacht standhielten. Trotz des anfänglichen Lobs muss diese Kritik auch auf den Verfasser abfärben, insbesondere wenn Augustinus seine Bitte um Zusendung damit unterstreicht, dass das Stück zu seiner aktuellen Lektüre passe, dem Froschmäusekrieg eines sizilischen Dichters. Wie man am Namen des Mäusekönigs Rodilardus („Speckknabberer“) sehen kann, ist die lateinische Bearbeitung der homerischen Batrachomyomachie durch Elisio Calenzio (1430–1503) gemeint, die 1503 im Rahmen einer Werkausgabe erschienen war (Croacus seu de bello ranarum ac murium). Im zweiten Namen Pisophagus („Erbsenfresser“) dürfte eine besondere Spitze liegen: Augustinus könnte mit dieser sonst nicht belegten Zusammensetzung Calenzios Mäuseheld Cicerectus (zu cicer „Kichererbse“) nach dem Muster von Namen der homerischen Batrachomyomachie (vgl. v. 218 Κοστοφάγος „Kostwurzfresser“; v. 224 Τυροφάγος „Käsefresser“) gräzisieren und so seine gute aktive Kenntnis des Griechischen gegenüber dem Möchtegern-Gräzisten Celtis ausspielen. Relativiert ist indirekt auch das Lob vom Beginn des Briefs: Der Verweis auf die Eposparodie des Froschmäusekriegs macht deutlich, dass Celtis der Stoff für ein heroisches Epos fehlt, damit für jenes literarische Projekt in der Gattungshierarchie, an dem er seinen Rang als „bester Dichter Deutschlands“ eigentlich bewähren müsste.

Celtis, Rhapsodia, Augsburg 1505, A[I]v; ÖNB *44.V.55 MUS https://onb.digital/result/13218BBF

Kritik als Unterstützung

Am 24. Februar 1505 wiederholt Augustinus seine Bitte um den Text des Schauspiels Germanicus de Boemis triumphus – und verbindet damit Kritik an einer ihm übersandten Publikation des Adressaten: Dass Celtis auf einem Einblattdruck neben den österreichischen Heiligen (Martin, Leopold. Florian, Koloman) auch Neidhardt zusammen mit dem Pfarrer vom Kahlenberg ein Epigramm widme, könne bestenfalls mit dichterischer Freiheit entschuldigt werden.

Als Augustinus schließlich über Textkenntnis verfügt – vor seinem Brief vom 4. April 1505 muss er eine handschriftliche Kopie der Rhapsodia erhalten haben –, betont er zwar unterschiedliche Meinung in vielen Belangen, inhaltlich trifft seine Kritik aber nun weder Maximilian noch Celtis: Er fragt nach einer Erklärung für Celtis’ Bezeichnung der Böhmen als Boemanni (die schon im Titel verwendet ist), nur um die tschechisch-lateinische Zusammensetzung Boemandi „Gott-Kauer“ als zutreffender vorzuschlagen: Er begründet sie mit der Kommunionspraxis in einer utraquistischen Messfeier mit Kommunion unter beiderlei Gestalt auch für Kinder:

Sicut in plerisque multis opinioni tuae non consentio, mi Celti; ita neque in eo, ut verum fatear, tecum convenio, ut quos Boiemos Cornelius, Bemos autem Ptolemaeus vocat, vos tu, nescio, cuius autoritate, Boemannos appellas. Quum si hominum istorum temporum, qui Boemiam incolunt, ritum et religionem recte perpendere velimus, Boemandi potius (quod eorum lingua deum mandentes sonat), quam Boemanni iure essent appellandi. Haec enim summa totius religionis ipsorum est, ut et infantes et adulti, senes ac decrepiti promiscui sexus ad sacratissimi corporis et sanguinis Christi edulium quotidie ac passim ferantur, nulla peccatorum venia per confessionem Christiano more petita, sed, veluti asini et sues ad pastum, ita hi ad tanti mysterii cibum solo sensus impetu ducuntur. Iure ergo eos hac ratione Boemandos potius quam Boemannos vocaverim, nisi tu certius aliquid, cur eos sic voces, afferas et validioribus argumentis me male sensisse convincas.

Wie ich in vielen Dingen, mein Celtis, nicht einer Meinung mit Dir bin, so auch – um die Wahrheit zu gestehen – darin nicht, dass Du das Volk, das Cornelius [sc. Tacitus] Boiemi, Ptolemaeus aber Bemi nennt, ich weiß nicht auf welcher Basis, Boemanni nennst. Wenn wir den Ritus und die Religionsausübung der derzeitigen Bewohner Böhmens korrekt beurteilen wollen, dann müssten sie richtigerweise eher Boemandi (was in ihrer Sprache nach „Gott kauend“ klingt) genannt werden. Denn das ist der Kern ihrer ganzen religiösen Praxis, dass sich Kinder und Erwachsene, Alte und Gebrechliche beiderlei Geschlechts täglich allerorts zur Speise des heiligsten Leibes und Blutes Christi stürzen, ohne Sündenvergebung in der Beichte nach Christensitte gesucht zu haben, sondern wie Esel und Schweine zum Futter, so lassen sie sich allein vom sinnlichen Trieb zur Speise eines so großen Geheimnisses führen. Zurecht möchte ich sie also aus diesem Grund Boemandi eher als Boemanni nennen, es sei denn du bringst einen triftigeren Grund für deine Benennung bei und überzeugst mich mit stärkeren Argumenten, dass ich mir meine Meinung falsch gebildet habe.

Es ist also keine Rede mehr von der Tapferkeit der Böhmen, vielmehr stimmt Augustinus mit seiner „Berichtigung“ von Boemanni zu Boemandi in die Darstellung der böhmischen Söldner als Ketzer ein, wie sie Maximilian propagiert hatte und wie sie auch Celtis in den Paratexten des Drucks der Rhapsodia – die er ebenfalls gesandt hatte? – aufgreift. Diese entspricht Augustinus’ eigenen Engagement gegen die von ihm als Waldenser bezeichneten böhmischen Brüder, die unitas fratrum, gegen die er auch König Wladislaw mobilisiert. So konnte Celtis den Brief – unter Tilgung des einleitenden Hinweises auf Meinungsverschiedenheiten – in zwiefacher Hinsicht für den Druck der Rhapsodia (Augsburg: Otmar 1505, VD16 C 1897; ÖNB, *44.V.55 MUS) nützen: Einerseits gab er ihm Gelegenheit, seine Bezeichnung BoemanniBoii, die sich auf Einladung von Mannus angesiedelt hätten – zu verteidigen, damit seine These zur Verwandtschaft von Böhmen und Germanen auszubreiten und so indirekt auf seine ethnographischen Studien zum Projekt der Germania illustrata aufmerksam zu machen, andererseits passt Augustinus’ pejoratives Namensspiel gut zur Polemik gegen die böhmischen Söldner als Hussiten.

Eine Fehleinschätzung

In seiner Einschätzung, die Böhmenschlacht verdiene kein Epos, täuschte sich Augustinus Moravus gewaltig: Denn während den kriegerischen Auseinandersetzungen in Maximilians Jugend keine epische Darstellung gewidmet wurde, war es gerade der Landshuter Erbfolgekrieg, der schon 1505 Anlass zu epischer Dichtung in nuce gab: Hieronymus Vehus / Feus (1484–1544) publizierte – vielleicht angeregt durch Celtis – unter dem Titel Boemicus Triumphus ein Festspiel, in dem die Musen Maximilian in unterschiedlichen Versmaßen huldigen. Calliope ist eine Schlachtschilderung mit den typischen Elementen Rüstungsszene und Feldherrnrede in den Mund gelegt (Straßburg: Grüninger 1505, VD16 V 492; ÖNB, 11.W.73 ). Schließlich entstanden zwei Großepen: Fünf Bücher De bello Norico des Zisterziensers Wolfgang Marius aus Aldersbach (1469–1544), die auf 1508 datiert nur im Autograph vorliegen (München BSB, Clm 1851 ) und die Austrias des Ricardo Bartolini aus Perugia (gest. 1529), die 1516 bei Matthias Schürer in Straßburg im Druck erschien (VD16 B 562; ÖNB, 38.E.17); Joachim Vadian (1484–1551), der in diesem Jahr den Lehrstuhl des Celtis übernahm, eröffnete den Druck mit einem Widmungsbrief an Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg, einen der wichtigsten Räte Maximilians.

Literatur in Auswahl

Jenő Ábel, Magyarországi humanisták és a dunai tudós társaság, Budapest 1880 (Értekezések a Magyar Tudományos Akadémia Nyelvés Széptudományi Osztálya köréből VIII/8)

Der Briefwechsel des Konrad Celtis, gesammelt, hg. und erläutert von Hans Rupprich, München 1934 (Veröffentlichungen der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Reformation und Gegenreformation, Humanistenbriefe 3)

Elisii Calentii poemata, a cura di Mauro de Nichilo, Bari 1981 (Biblioteca de critica e letteratura 17)

Elisio Calenzio. La guerra delle ranocchie. Croaco. Edizione critica con introduzione, traduzione e commento e con un’Appendice sul Testamentum del Calenzio a cura di Liliana Monti Sabia, Napoli 2008

Konrad Celtis, Ludi Scaenici, hg. von Felicitas Pindter, Budapest 1945 (Bibliotheca scriptorum medii recentisque avorum, 15/16 Saec. 13)

Cora Dietl, Die Dramen Jacob Lochers und die frühe Humanistenbühne im süddeutschen Raum, Berlin–New York 2005 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 37 [271])

Stefan Füssel, Riccardus Bartholinus Perusinus. Humanistische Panegyrik am Hofe Kaiser Maximilians I., Baden-Baden 1987 (Saecula spiritalia 16)

Christian Gastgeber, Augustinus Moravus und seine Beziehungen zum Wiener Humanistenkreis, in: Augustinus Moravus Olomucensis. Proceedings of the International Symposium to Mark the 500th Anniversary of the Death of Augustinus Moravus Olomucensis (1467–1513), 13th November 2013, National Széchényi Library, Budapest, hg. von Péter Ekler und Farkas Gábor Kiss, Budapest 2015, 11–29

Herbert Immenkötter, Hieronymus Vehus. Jurist und Humanist der Reformationszeit, Münster 1982 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 42)

Elisabeth Klecker, Gens incerta Dei. Zum Bild der böhmischen Söldner in humanistischen Darstellungen der Schlacht am Wenzenbach bei Regensburg, in: Herzog Albrecht V. und die Auswirkungen der Hussitenkriege. Neue Aspekte, hg. von Maria Theisen, Wien 2024 (Fokus Kloster 1), 207-230